Am traditionsreichen Weingut Weinrieder im niederösterreichischen Weinviertel wurde Weingeschichte geschrieben. Erstmals konnte der renommierte Winzer Anfang März ernten und damit die außergewöhnliche Weinernte 2019 fast sieben Monate nach ihrem Beginn abschließen. Insgesamt vergingen beeindruckende 186 Tage vom Start der Lese bis zu ihrem Ende im Frühjahr 2020. Möglich wurde dieses außergewöhnliche Ereignis durch frühlingshafte Temperaturen und einen der wärmsten Winter seit Beginn der Messaufzeichnungen. Diese Premiere markiert nicht nur einen Meilenstein für das Weingut selbst, sondern wirft auch ein Schlaglicht auf die tiefgreifenden Veränderungen, denen der moderne Weinbau zunehmend ausgesetzt ist.
Ein außergewöhnlicher Jahrgang mit langem Atem
Die Weinernte 2019 begann klassisch im Herbst und zog sich über einen ungewöhnlich langen Zeitraum hinweg. Während viele Betriebe ihre Lese längst abgeschlossen hatten, hingen am Weingut Weinrieder noch ausgewählte Trauben an den Rebstöcken. Ziel war es, die natürliche Konzentration der Beeren weiter voranschreiten zu lassen und das volle Potenzial des Jahrgangs auszuschöpfen. Dass die Lese schließlich erst im März 2020 endete, ist in Österreich eine absolute Seltenheit. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch den zweitwärmsten Winter der Messgeschichte, der stabile Witterungsbedingungen ohne extreme Kälte brachte. Frostperioden, die für eine Eisweinlese notwendig gewesen wären, blieben aus. Stattdessen eröffnete sich eine völlig neue Möglichkeit.
Grüner Veltliner als Basis für eine besondere Süßweinrarität
Im Mittelpunkt dieser außergewöhnlichen Märzlese stand die Rebsorte Grüner Veltliner. Rund 1,5 Hektar bester Trauben blieben bewusst bis ins Frühjahr hinein an den Stöcken. Für Winzer Friedrich Rieder und seinen Sohn Lukas bedeutete diese Entscheidung ein hohes Risiko. Je länger die Trauben hängen, desto größer ist die Gefahr durch Fäulnis, Schädlinge oder Witterungseinflüsse. Doch die Bedingungen waren ideal. Die dicke Beerenhaut des Grünen Veltliners, kombiniert mit der luftigen Lage der Weingärten rund um Poysdorf, sorgte dafür, dass sich die Trauben in einem perfekten Zustand befanden. Statt Schaden zu nehmen, konzentrierten sich Zucker, Säure und Aromastoffe auf einzigartige Weise.
Trockenbeerenauslese statt Eiswein
Ursprünglich hatten die Rieders auf eine Eisweinlese gehofft. Da jedoch die notwendigen Minusgrade ausblieben, musste umgedacht werden. Anstatt die Trauben vorzeitig zu lesen, entschieden sich Vater und Sohn für den mutigen Weg und ließen die Beeren weiterreifen. Diese Entscheidung zahlte sich aus. Anfang März 2020 konnte schließlich eine hochwertige Trockenbeerenauslese geerntet werden. Die Trauben waren stark eingeschrumpft, hochkonzentriert und reich an Extrakt. Die schonende Pressung ergab eine dickflüssige Essenz von außergewöhnlicher Qualität, die bereits im jungen Stadium enorme Komplexität zeigte.
Aromatik und Stil der Märzlese
Der neue Süßwein aus dem Jahrgang 2019 überzeugt durch eine intensive Aromatik und bemerkenswerte Struktur. In der Nase dominieren fruchtige Noten von grünem Apfel, begleitet von feinen Honiganklängen und einer lebendigen Säure. Am Gaumen zeigt sich der Wein dicht, elegant und gleichzeitig frisch, mit langem, vielschichtigem Abgang. Diese Balance aus Süße und Säure ist typisch für große Trockenbeerenauslesen, doch die ungewöhnlich späte Lese verleiht dem Wein eine zusätzliche Dimension. Die natürliche Konzentration sorgt für Tiefe, ohne die Leichtigkeit zu verlieren.
Sweet March als Spiegel des Klimawandels
Winzer Friedrich Rieder bringt die Bedeutung dieser Lese auf den Punkt: „Dieser Wein reflektiert sehr stark die Klimaveränderung.“ Tatsächlich steht die Märzlese exemplarisch für die Herausforderungen und Chancen, die der Klimawandel für den Weinbau mit sich bringt. Mildere Winter, längere Vegetationsperioden und veränderte Reifeverläufe zwingen Winzerinnen und Winzer dazu, neue Wege zu gehen. Gleichzeitig eröffnen sich Möglichkeiten für neue Weinstile und bislang undenkbare Erntezeitpunkte. Die Trockenbeerenauslese aus dem März ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Erfahrung, Mut und Fingerspitzengefühl zu außergewöhnlichen Ergebnissen führen können.
Präsentation und Ausblick
Der exklusive Süßwein wird unter dem Namen „Sweet March“ Ende des Jahres offiziell vorgestellt. Schon jetzt gilt er als Rarität und als Highlight des Jahrgangs 2019. Für Sammlerinnen und Sammler sowie Liebhaber großer Süßweine dürfte diese Abfüllung besonderes Interesse wecken. Das Weingut Weinrieder unterstreicht mit dieser Premiere einmal mehr seinen Anspruch, Qualität und Innovation miteinander zu verbinden. Die Märzlese zeigt, dass Spitzenweinbau im Weinviertel nicht nur Tradition, sondern auch Experimentierfreude und Anpassungsfähigkeit bedeutet.
Quelle: ots










